Maren Polte über Stefan Heyne

”Warum sind diese Bilder so unscharf?” ist eine der ersten Fragen, die beim Betrachten von Stefan Heynes Fotografien auftaucht. Es ist kaum etwas darauf zu erkennen, dabei handelt es sich doch um Fotografie.

Stefan Heyne kommt vom Bühnenbild, also einer szenischen Kunst, in der es, wie das Wort schon sagt, darum geht, Bilder zu gestalten, konkrete Bilder, die der Handlung einen Rahmen geben. Die Fotografie diente ihm zuerst als eine Art Dokumentationsmittel für seine Arbeit, ein unzulängliches, wie er selbst feststellte. Das war eine Art Ausgangspunkt für seine künstlerische Auseinandersetzung mit der Fotografie, damit was eigentlich das Fotografische ist, wenn es sich schon offensichtlich nicht auf das beschränkt, was wir landläufig als das Wesen des Fotos bezeichnen: das Fixieren eines vorhandenen Sachverhaltes. Es begann also die Suche nach Bildern, die sich mit dem Medium an sich beschäfigen und doch eigenständig sind.

Danach gefragt, wie er zu seinen Bildern komme, hat Stefan Heyne einmal geantwortet, Fotografieren sei wie im Trüben fischen. Man brauche Geduld und es sei keineswegs klar, ob ein Fisch an die Angel gehe. Motive zu finden ist demnach eher ein zufälliger denn ein geplanter Prozess. Es ist, wenn überhaupt, offensichtlich nur bedingt zu kalkulieren und zu planen. Zwangsläufig ist der Ausschuss hoch. Es entstehen Tausende von Bildern im Jahr von denen vielleicht zehn Bestand haben. Die dann auch nur einer kleinen Auflage von drei bis fünf Exemplaren zu haben sind.

Das was er da im Trüben fischt sind offensichtlich Ausschnitte von Gegenständen. Es sind keine Menschen zu sehen und keine Natur, es gibt keine Überblicke, oder auch nur die Erfassung eines Gegenstandes als Ganzem. Alle Bilder präsentieren Ausschnitte von weitgehend technischen Objekten. Jeder Detailreichtum, alles individualisierende und auch alles kontextualisierende ist ausgespart. In einer Art feinem Sprühnebel büßen die Objekte ihre klaren Konturen ein und gleiten ins Ungewisse. Dabei sind dies keine Pixelmalereien, sondern analoge Fotografien, die nur wenn nötig digital retuschiert werden.
Sie sehen Fragmente, die auseinandergebrochen zu sein scheinen, wie auf dem Diptychon o.T. 2007. Da erscheinen gebogene weiße Teile mit rotem Streifen vor einem schwarzen, undurchdringlichen Hintergrund, vielleicht ein Zugkörper, ein ICE, ein Unfall? Wer weiß das schon, sehen können wir es jedenfalls nicht; oder Konkav geschwungene graue Farbflächen, die sich diagonal durch das Bild ziehen — denen der Titel Gebäudedetail (2007) gegeben ist. Die Form ist dynamisch, suggeriert Bewegung. Es scheint sich aber um eine Architektur zu handeln. Dabei tappen wir gänzlich im Dunkeln, was die Situation angeht: ist das abgebildete Objekt groß oder klein, ist es eine vorgefundene Szene oder eine Inszenierung, ist es drinnen oder draußen.

Man kann etwas erkennen ohne wirklich etwas zu erkennen. Es gibt keine Geschichten, die entdeckt werden können, keine Zusammenhänge, die eine Erzählung ermöglichen. Auch die Titel geben keinen nennenswerten Aufschluß.

Im Trüben fischt also nicht nur der Künstler, sondern auch der Betrachter, der sich irritiert über das nicht zu Sehende oder nicht präzise Wahrnehmbare mit der eigenen Wahrnehmung, mit dem Sehen beschäftigt. Die Bilder entziehen sich einer Fixierung und dadurch bleibt ein Spiel zwischen Annäherung und Zurückgewiesen werden. Offensichtlich sind es nicht die Gegenstände, die Stefan Heyne interessieren. Es ist ihre Auflösung, ihr Verschwinden. Er bedient sich damit der Fotografie, um das ihr eigene mediale Vermögen, existierende Dinge nochmals zu zeigen, eine Art zweidimensionales Double der Sache abzugeben, zu unterwandern. Es ist zwar etwas abgebildet, aber bis zur Unkenntlichkeit fragmentiert und unscharf. Beides, Reduktion und Unschärfe, sind uns aus der Malerei hinlänglich bekannt. Doch hier geht es nicht um Malerei, sondern um das fotografische Bild. Und das wird ja dem derzeitigen Trend folgend häufig dazu eingesetzt, Ereignisse visuell zu veredeln. Hier versucht aber keiner der Kultur des schönen Scheins weitere dekorative Arrangements hinzuzufügen, ästhetisch ebenso perfekt wie glatt und unnahbar. Die Oberflächen dieser Bilder hier sind nicht hart und spiegelnd, sondern weich und matt samten. Sie sind eher haptisch und lassen dem Betrachter die Möglichkeit, ihre Struktur wahrzunehmen und sich in das Ungewisse zu vertiefen.

Motivisch wie formal stellen die Bilder Offenheit und Vieldeutigkeit zur Schau. Es gibt etwas Vertrautes und etwas Unbekanntes, es gibt Farbanspielungen (wie beim ICE) und eine Verschleierung durch die dunklen Hintergründe, die alles umliegende verschluckt. Wir fühlen uns an etwas erinnert und wissen doch nicht so genau woran. Fragt man den Künstler, geht er nicht davon aus, dass die Fotografie Licht ins Dunkel bringt, indem sie etwas dokumentiert, das unserer flüchtigen Wahrnehmung entgangen sein kann. Für ihn bringen Fotografien keine Klarheit im Sinne der Anforderungen, die kollektiv an das Medium gestellt werden. Aber natürlich halten sie trotzdem etwas fest. Es ist auch diese Differenz zwischen Anspruch und Umsetzung, die Stefan Heyne dazu geführt hat, die Unbestimmtheit des fotografischen Bildes zu thematisieren. Er stellt den Sucher bewußt unscharf und provoziert das Missverständnis, um uns die Gewissheit zu nehmen, alles Gesehene auch erkannt zu haben.

Sie kennen diese Unbestimmtheit aus Literatur und Film. Überall dort, wo etwas unvollständig geschildert wird. Ein Erzählstrang bricht ab, die Perspektive wechselt, in der Folge bleibt eine Lücke. Eine Spur ist gelegt, aber ihr ist die Eindeutigkeit genommen, weil man auf einmal mit anderen Augen dem Geschehen folgt. Aber nicht nur das: Um die Linearität der Geschichte zu wahren, ergänzen wir den ausgesparten Part und geben der ganzen Geschichte unsere Perspektive. Es sind also genau diese Uneindeutigkeitsstellen oder Leerstellen, die uns als Wahrnehmende involvieren.

Wenn es um Bilder im Sinne der bildenden Kunst geht, ist der Akt des Involvierens ein ganz ähnlicher. Auch sie leben von dem Kontrast zu allem Bekannten, d.h. auch sie werden erst dann als Bilder rezipiert, wenn dem Dargestellten in gewisser Weise die Eindeutigkeit genommen ist. Das mag in Bezug auf die Fotografie etwas bizarr klingen, denn gerade sie ist ja das Medium, das Gegebenes festhält. Aber bloß weil die Fotografie ein reproduktives Bildmedium ist, heißt es noch lange nicht, dass nicht auch mit ihr starke Bilder gemacht werden können. Die Geschichte hat dies zur Genüge bewiesen. Von dieser Technik einen bildstärkenden Gebrauch zu machen setzt allerdings voraus, dass es gelingt, die Differenz zwischen Gegebenem und Abgebildetem sichtbar zu machen. Die Fotografie ”lebt aus dieser doppelten Wahrheit: etwas zu zeigen oder auch vorzutäuschen und zugleich die Kriterien und Prämissen dieser Erfahrung zu demonstrieren.” (Gottfried Böhm)

Wenn sie sich umsehen, haben sie das beste Beispiel einer solchen Differenz zwischen Gegebenem und Wiedergegebenem, zwischen Vorhandenem und Umgesetztem. Die Fotografien von Stefan Heyne sind keine Abbilder, sie erschöpfen sich nicht darin, existierende Dinge oder Sachverhalte nochmals zu zeigen, sie illustrieren nicht – es sind in sich geschlossene Sinneinheiten, die uns vor Augen führen, wie das Abbild Bild wird.
Die Bilder entziehen sich einer konkreten Entschlüsselung, sie geben nichts Fixes wieder, sondern werfen unseren Zweifel am zu Sehenden auf uns zurueck. Sie können sich also versenken in diese unscharfen, rätselhaften Bilder, sich ihren eigenen Reim darauf machen und es doch nie entschlüsseln. Das macht diese Arbeiten aus: sie fordern uns als Betrachter, indem sie uns das Gezeigte vorenthalten.


(Leicht modifizierte schriftliche Fassung der Eröffnungsrede in der Galerie Kaune, Sudendorf vom 29.5.2009)

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